Flüchtlinge & Smartphones: Ein Handy als Luxusgegenstand?

Flüchtlinge und Handys: ein Thema, das in den Medien, beispielsweise in Sozialen Netzwerken oder Foren, breit diskutiert wird. Fast jeder hat sich bereits eine Meinung darüber gebildet, die auch oft von der Meinung anderer beeinflusst wurde. Viele Menschen stehen dem Besitz von Smartphones bei Flüchtlingen sehr kritisch – oftmals aber auch wenig nachvollziehbar – gegenüber.

Hier sind ein paar Beispiele aus deutschsprachigen Foren, die zeigen, welche Meinungen sich bereits gebildet haben:

Hobbit1966 schrieb am 29.04.15 im Goolive-Forum über Flüchtlinge, die nach Ankunft in Deutschland ein Handy einfordern würden:

„Es auch ein sehr schwieriges Thema. Während hier in Deutschland noch viele Familien um Hilfe hoffen und nichts bekommen, werden solche Bitten verbreitet. Das kann ich nicht glauben.“

Quelle: http://www.goolive.de/forum/fluechtlinge-deutschland-261067-1.html

Moon93 hat am 22.07.15 geschrieben:
„Was ich aber absolut nicht verstehe ist, dass sie trotz nur einer Plastiktüte und Badelatschen ankamen, aber fast alle immer das allerneuste Handy haben.“

Quelle: http://www.erdbeerlounge.de/forum/lifestyle/themafluechtlingewie-steht-ihr-dazu/

Skaramanga schrieb am 15.02.14 über den Besitz von Handys bei Flüchtlingen:

„Und das sind jetzt also alles die armen Flüchtlinge, die nur knapp dem Hungertod entronnen sind, ja?“

Quelle: http://www.politikforen.net/showthread.php?149905-Foto-des-Jahres-Fl%C3%BCchtlinge-mit-Handys-am-Strand!/page3

Bruddler kommentiert am 15.02.15 ein Bild, auf dem Flüchtlinge an einem Strand ihr Handy in die Luft strecken, um Empfang zu bekommen. Im weiteren Verlauf werden Flüchtlinge sehr geschmacklos mit Affen verglichen.

„Schon erstaunlich, dass diese armen Verfolgten so unbehelligt ihr Handy in die Luft recken dürfen…findest Du nicht auch?“

Quelle: http://www.politikforen.net/showthread.php?149905-Foto-des-Jahres-Fl%C3%BCchtlinge-mit-Handys-am-Strand!/page2

Diese Zitate verdeutlichen wie unwissend und teilweise respektlos manche Menschen mit dieser Thematik umgehen. Deshalb werde ich nun einige Gründe und Fakten darlegen, die erläutern, warum Flüchtlinge definitiv ein Handy besitzen dürfen und sogar sollten.

 

Kontaktaufnahme…

…mit der Familie im eigenen Land:

Für Flüchtlinge ist das Handy oft der wichtigste und auch einzige Gegenstand, den sie noch haben, um mit ihrer daheimgebliebenen Familie in Kontakt zu bleiben. Meist flüchtet nicht eine ganze Familie, sondern sehr junge, alte oder schwache Familienmitglieder müssen im Heimatland verbleiben. Oft spart eine ganze Familie, um zum Beispiel den Sohn auf die Flucht nach Europa zu schicken. Selbstverständlich warten die Familien dann auf den erlösenden Anruf, dass z.B. der Sohn die Flucht überlebt hat – natürlich benötigt man hierfür ein Telefon! Ist es nicht mehr als verständlich, dass man in einer komplett neuen Umgebung, nach sehr vielen Strapazen, gefährlichen Situationen und sehr viel Ungewissheit über die eigene Zukunft mit Verwandten und Bekannten telefonieren MUSS? Ich finde es unfair, dass Menschen den Besitz von Smartphones bei Flüchtlingen kritisieren – vor allem weil wir unser Handy hauptsächlich zur Unterhaltung nutzen.

 

…mit Personen in Deutschland:

Wenn Menschen in ein unbekanntes Land fliehen, versuchen sie oft einen entfernten Verwandten oder Bekannten zu erreichen. Das kann auch ein Freund eines Freundes bei Facebook sein. Oft haben sie von diesem eine Handynummer und versuchen ihn dann zu erreichen. Im Interview hat uns Frau Knauer eine Geschichte von einem syrischen Flüchtling erzählt, der nach erfolgreicher Flucht aus dem Krieg die Nummer eines Cousins seines Vaters in Deutschland angerufen hatte, als er in München ankam. Als am anderen Ende nur die automatische Mailboxansage ertönte, brach er weinend zusammen: seine ganze Hoffnung hatte auf diesem einen Anruf gelegen und eine Welt brach für ihn zusammen, als er ihn nicht erreichen konnte.

Auch kann man gut nachvollziehen, dass die Flüchtlinge untereinander in Kontakt bleiben wollen. Vielleicht haben sie sich auf der Flucht, an einem Grenzübergang oder einer Flüchtlingsunterkunft kenngelernt, kamen aus derselben Heimatstadt. Wer kann es verübeln, dass man neue Freunde in einem fremden Land braucht, die die Einzigen sind, die verstehen, was man durchgemacht hat? Mit ihren Handys können sie in Kontakt bleiben.

 

Die haben doch gar kein Geld!

Ein oft gehörtes Argument ist, dass Flüchtlinge sich doch gar kein Handy leisten können. Warum? Viele der Flüchtlinge haben, bevor zum Beispiel Krieg in ihrem Land ausgebrochen ist, wie wir in Häusern oder Wohnungen gewohnt. Sie sind auch in die Schule, zum Studieren oder in die Arbeit gegangen. Natürlich haben sie dann auch ein Handy besessen. Dass sie dieses auf die Flucht einpacken, ist ja wohl auch mehr als klar! Wir haben übrigens einen Selbstversuch gemacht und überlegt, was wir auf eine Flucht mitnehmen würden: hier könnt ihr mehr erfahren. Eins ist schon mal sicher: jeder einzelne von uns hätte sein Handy eingepackt!

In vielen afrikanischen Ländern sind Handys übrigens auch viel billiger als bei uns, weil sie weniger Funktionen haben. Es ist also gar nicht so schwer sich ein Handy zu leisten.

Das Argument, dass sich die Flüchtlinge hier den Betrieb eines Handys nicht leisten können, stimmt so auch nicht. Die Asylbewerber müssen keine Roaminggebühren zahlen, da sie meist über Skype, Whatsapp oder Viber telefonieren – meist über freies W-LAN in Bahnhöfen, Restaurants, Fast-Food-Filialen oder Cafés.

 

Warum Handys auf der Flucht und später notwendig sind.

Die meisten Handys haben GPS. Damit kann man sich orientieren. Frau Knauer hat erzählt, dass die Flüchtlinge oft gar nicht wussten, wo sie gerade sind – teilweise nicht mal in welches Land sie gebracht wurden. Ein Handy kann dabei helfen. Auch wenn man dann einmal in einem Ort untergebracht ist, kann man sich besser zurechtfinden. Auf der Flucht ist zum Beispiel auch Google Maps wichtig – Informationen über sichere Routen und Grenzübergange können so unter den Flüchtenden geteilt werden.

Das Handy kann aber auch bei der Integration in eine neue Kultur helfen. Zum Beispiel kann man mit dem Handy eine neue Sprache schneller lernen und z.B. mit Google Translate kommunizieren. Aber es hilft auch seine Traditionen zu erhalten. Eine App kann den Flüchtlingen z.B. dabei helfen, Nahrungsmittel darauf zu testen, ob sie sie aus religiösen Gründen essen dürfen.

Handys können auch Erinnerungen speichern. Zum Beispiel Bilder aus dem Heimatland und von der Familie. Man kann auch Fotos schießen und sie den Daheimgebliebenen schicken, damit sie sehen, wie und wo man untergekommen ist und dass es einem gut geht.

Meiner Meinung nach vertreten viele Leute eine Meinung über dieses Thema, die sie vorher nicht wirklich hinterfragt haben – es gibt viele Gründe, warum ein Smartphone in mancher Lebenssituation heutzutage überlebensnotwendig ist.

Diese Nutzerin (TanteAnette,03.10.15 bei chefkoch.de) fasst das abschließend ganz gut zusammen:

„Und das mit den Handys: Flüchtlinge haben ja vorher nicht in einem Erdloch gehaust, sondern in jetzt völlig zerstörten Städten, in denen es durchaus so etwas wie Wasserversorgung und Kommunikationsnetze gab, Geschäfte, in denen man Essen kaufen konnte und Büros, in den gearbeitet wurde. Hier hat doch auch jeder Hans und Franz ein Smartphone. Das ist doch gerade auf der Flucht das einzige Kommunikationsmittel, das man hat – und auch, um denen, die noch nicht geflohen sind, Bescheid zu geben, dass man in Sicherheit ist.“

Quelle: http://www.chefkoch.de/forum/2,22,704164/wie-machen-das-die-fluechtlinge.html

Das nächste Mal, wenn ihr jemand über Flüchtlinge mit Handys schimpfen hört, klärt ihn bitte auf. Es gibt mehr als genug Argumente, warum ein Handy auf der Flucht alles andere als ein Luxusgegenstand ist.

 

Lukas

Quelle: http://www.zeit.de/2015/40/smartphone-fluechtling-whats-app-kommunikation

 

 

 

Ein Kommentar

  • Lukas,

    dieser Artikel ist gründlich recherchiert, sachlich geschrieben und inhaltlich genau das was ich jedem der sich fragt, warum „die sich das leisten können“ an Hintergrundwissen wünsche.

    Gerade in Zeiten wo in Europäischen Hauptstädten Jagd auf Hilflose gemacht wird, ich in meinem Dorf rechtsradikale Aufkleber von Briefkästen kratze und ein unterschwelliges Unbehagen zu wachsen scheint ist es wichtig auf Verständnis und Deeskalation zu setzen.

    Ich finde den Artikel großartig. Danke.

    Martin

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